CD-Review: Rebell ohne Grund

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Viele Alben werden von vielen Sängern täglich veröffentlicht. Doch nur die Besten Sänger gelangen zu Weltruhm. Hermes hat daher für euch das Album Rebell ohne Grund des Sängers Prinz Pi unter die Lupe genommen und sagt euch ob es Hitpotenzial hat:

Interpret: Prinz Pi
Album: Rebell ohne Grund
Land: Deutschland (Berlin)
Jahr: 2011
Genre: Deutschrap


Deutscher Hip-Hop hat ja im allgemeinen mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Da wären die Niveaulosigkeit, die Aggressivität, die Verrohung der deutschen Sprache und viele andere Punkte die Deutschrap zu etwas machen, was er nicht durchgehend ist: Platt, stumpf und angeberisch.
Etwas gegen diese Vorurteile zu unternehmen, das ist etwas was sich der Berliner Rapper Prinz Pi aufseine Fahne geschrieben hat. Zugegeben, sein Style hat sich seit 1996 sehr verändert. Von der lebenden Persiflage auf die reiche Gesellschaft Berlins zum unorthodoxen Indie-Rapper. Doch schlecht ist das auf keinen Fall, wie sein neues Werk "Rebell ohne Grund". Doch was macht dieses Album so gut? Widmen wir uns mal den einzelnen Titeln:

Bombenwetter ist das Intro des Albums, der Opener der den Gesamteindruck des Albums prägt. Die ersten Worte lassen noch nicht vernehmen was für ein grandioser Linguist Prinz Pi ist. "Ey yo, ey yo, eyo eyo eyo" ist nicht besonders tiefgründig. Doch dann zeigt Pi, der mit bürgerlichem Namen Friedrich Kautz heisst, was er mit der deutschen Sprache anstellen kann. Nach Themen suche Prinz Pi auch nicht, da er auf seinem Album die Klassiker behandele: "Ich brauch' keine Themen suchen, ich behandel die Klassiker: Frauen, Verschwörung, Trunschuhe, Praktiker". Damit ist alles gesagt, klasse Intro.

Mit Der neue iGod folgt die erste Persiflage auf die Gesellschaft für die Prinz Pi ja bekannt und berühmt ist. Mit klassicher Überheblichkeit, einem sehr fröhlichen, gar ausgelassenem Synthie-Beat und vielen Hinweisen für nicht so intelligente Rapper ("Das war ein Wortspiel!") bezeichnet sich Pi als "einziger MC mit Fanclub in Harvard". Klassisch, elegant, Prinz Pi. Tolles Lied, sehr sarkastischer Text.

Die Liebe ist das Thema in der ersten Single-Auskopplung Du bist, ein Lied für das sich der Prinz auf seinem Debut Keine Liebe noch selbst verurteilt hätte. Doch wie er das Thema lyrisch umsetzt ist schlicht brilliant, ist er doch so viel anders als viele andere deutsche Rapper. Hier ist nicht die Materialisierung einer (oder mehrerer) Frau(en) das Thema, sondern viel mehr die Verehrung für eine. Fast schon etwas defensiv und untergeben spittet Pi hier die Zeilen heraus, die Hook kommt sehr stimmig rüber, der Beat ist sehr ruhig. Ich wusste am Anfang nicht was ich von diesem Lied halten sollte, da ich das Thema eigentlich nicht mag. Und doch hat es irgendwie was. Man muss es sich ein paar mal anhören, um zu verstehen das dieses Lied ein gutes ist.

Das nächste Lied, Virus, ist zwar wieder etwas kritischer, doch zumindest ich kann mich nicht mit diesem Lied anfreunden. Ich mag den Beat nicht, und das ist etwas was mich Rapsongs einfach überspringen lässt. Ein Durchhänger, auch wenn Geschmäcker stark variieren.

Wer den Titel des nächsten Liedes erfährt, wird dieses Lied vielleicht auch skippen. Generation Prono, wie klingt das denn bitte? Doch das Lied ist nicht das was der Titel verspricht. Es ist viel mehr eine Warnung an die deutsche Jugend, einer Jugend die sich betrinkt etc. Das mag so zwar etwas komisch klingen, vor allem in einem Rapsong, doch Pi trifft die Sache hier im Kern.

Danach kommt das erste wirklich ernste Lied Lied: Krieg @ Home (feat. E-Rich und Chefkoch) ist ein Lied über die fiktive Situation das sich der Krieg, der so weit weg scheint plötzlich gen Westen wendet. Auf einen dunkeln, bedrückenden Beat rappen Prinz Pi und E-Rich sehr authentisch, man nimmt ihnen die Dramatik der Situation ab. Einzig und allein Chefkoch passt nicht wirklich in das Lied, seine Stimme stimmt nun mal so gar nicht mit den beiden vorangegangenen überein, ausserdem flowt er nicht wirklich überzeugend. Ein Gastact wie Morlokk Dilemma oder Blokkmonsta wäre hier deutlich passender gewesen. Dennoch ein großartiges Lied.

Dann folgt ein großes Highlight was Emotionen angeht. Von machen als sehr pathetisch angesehen, ist Drei Kreuze für Deutschland, ein Lied welches sehr teif greift. Pi erzählt die Geschichte einer Familie, zwei Söhne, ein Vater und eine Mutter. Alle Männer sind im Dienste des Landes  gestorben, Pi transportiert seine Message hier sehr eindrücklich.

Etc. zieht als nächstes Lied wieder Bezüge zur Liebe, allerdings wird hier auch das Frauenbild von Siegmund Freud behandelt. Siegmund Freud in einem Rapsong? Der Name Wittgenstein in einem Rapsong? Okay, spätestens hier wird klar was Pi's Stil nicht ist: konventionell.

Pi's Schlaflied behandelt Friedrichs Liebe zu seiner Tochter, allerdings nicht ohne eine Spur von Depression. Man muss dieses Lied hören um es zu verstehen. Aber Textzeilen wie "Ich will doch nur mit Gott reden" zeigen auch auf, das Pi neben Party-Songs ziemlich gute depressive Lieder schreiben kann die nicht kitschig wirken, eine Eigenschaft die nur wenige deutsche Rapper besitzen.

Wunderkind heisst das nächste Lied. Klasse Lied von Pi hier. Man weiss nicht genau um wen es geht, ob es wieder eine der Lobeshymen auf Pi selbst ist oder einfach nur ein Lob auf einen bestimmten Menschen. "Du bist ein Wunderkind, auch wenn niemand ausser dir und mir das sieht, die Leute sind für Wunder blind." Schlichtweg großartig.

Marathon Mann dagegen ist wieder ein Lied über Pi's Leben. Erfreulich hierbei ist das es nicht so klischeehaft ist wie etwas Mein Leben 2007 auf Zeitlos. Pi legt hier nochmal seine Ziele da, alles was er mit seinen Songs erreichen will. Der Beat kommt sehr beruhigend daher, die Melodie des Refrains ist auf jeden Fall eine die im Ohr bleibt. Gutes Lied, nicht mehr, nicht weniger.

Auch das nächste Lied, Eifer und Sucht, ist wieder ein sehr ruhiges Lied. Eines von den vielen Liedern des Albums mit dem Thema Frauen. Auch wenn sie hier alle gut bis toll sind hätte es hier auch ein Lied weniger getan.

Wieder und Wieder bezeugt Pi's Anspruch der neue Nietzsche zu sein. Aber für Bescheidenheit war Friedrich Kauz noch nie bekannt. Das Thema Liebe ist vorhanden doch nicht so präsent wie in den Liedern zuvor, ein Lied welches völlig in Ordnung ist. Leider, leider nicht mehr. Das Potenzial ist nämlich durchaus vorhanden.

Aber auch Prinz Pi macht Lieder die mir gar nicht gefallen. Königin von Kreuzberg ist ein Beispiel dafür. Der Beat ist erstklassig, der Text dagegen weniger. Auch wenn es anders ist als die anderen Lieder auf dem Album, irgendwie gibt mir dieses Lied nichts.

Rand II bildet eine interessante Fortsetzung zu Rand auf dem 2008er Album Donnerwetter. Auch die Features, also die unterstützenden Künstler sind hier interessant. Da wäre zum einen der sonst als asozialer Atze verschriehene Rapper Frauenarzt liefert einen ausserordentlich guten Part mit einem intelligenten Text ab. Der zweite Helfer ist Timi Hendrix, jemand von dem ich bisher nichts gehört hatte, der mittlerweile aber zu meinen Lieblingen im Genre gehört. Sehr gutes Lied.

Morgengrauen ist wieder ruhig, im Gegensatz zum vorangegangenen Rand II. Fast schon depressiv spittet Pi hier, die melancholische Stimmung im anbrechenden Morgen erfüllt ihr übriges. Der erste Feature-Part geht auf Mudi, einen Berliner der sehr langsam und mit einer tiefen Stimme einen tollen Part zur Geschichte beisteuert. RAF Camora toppt ihn jedoch. Großartiger feature-Part. Zumindest ich könnte mir dieses Lied stundenlang anhören.

Das nächste Lied, Laura, ist schwierig zu bewerten. Pi erzählt eine (nach ihm) wahre Geschichte von einer Exfreundin, die sich umbrachte. Ich gebe zu das ich bei dem Lied jedes Mal eine Gänsehaut bekomme. Es ist einfach unglaublich, die Atmosphäre jagt einem Schauer über den Rücken. Der Beat ist einer der besten die ich seit langer Zeit hören durfte. Ein Lied das man hören MUSS. Egal ob man Hip-Hop mag oder nicht.

Jetzt folgt das letzte reguläre Lied des Albums, im Gegensatz zu Laura schnell und unruhig: Beweis dagegen lobt intelligente Deutsche Rapper wie z.B. Morlokk Dilemma, Taktloss, Kool Savas, K.I.Z. und MC Basstard. Die Wut auf die Szene ist hier deutlich zu spüren, ein klasse Abschluss für ein großartiges Album.

Was Pi hier abliefert ist grandios, ein Meisterwerk. Deutschrap auf allerhöchstem linguistischen Niveau. Alle Vorurteile werden widerlegt. Wäre Königin von Kreuzberg nicht drauf, hätte ich die volle Punktzahl gegeben. So gibt es nur großartige 9.5 von 10 Punkten und den lauten Wunsch, das auf dem nächsten Album wieder eine Kollabo mit Basstard dabei ist sowie Features mit Morlokk und K.I.Z.


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