Ist der Humanismus in der Krise?

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Es gibt Indizien, die darauf hinweisen, dass der Humanismus in der Krise ist. Das ist für eine Schule, die sich auf ihr humanistisches Erbe beruft, eine wichtige Frage. Doch bevor wir uns damit beschäftigen, sollte etwas anderes vorab geklärt werden: Was ist Humanismus überhaupt? Und welche Idee steckt hinter der eines humanistischen Gymnasiums?

Im Internetlexikon Wikipedia, welches heute ja für den normalen Schüler der erste Ort der Definitionssuche ist, steht folgendes:

„Der Humanismus ist eine Weltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, Werten und der Würde des Menschen orientiert“

Ganz ähnlich der Brockhaus, den zumindest die älteren Schüler noch sehr gut kennen dürften:

„Humanismus: allg. das Bemühen um Humanität, um eine Menschenwürde und freien Persönlichkeiten entsprechende Gestaltung des Lebens und der Gesellschaft durch Bildung und Lebens- und Umweltbedingungen“

Beide Definitionen sehen den Humanismus als eine Philosophie an, die das Leben des Menschen als Individuum und das Leben des Menschen mit anderen verbessern soll. Die Idee dahinter ist sehr alt und reicht zurück bis ins alte Griechenland. Philosophen wie Sokrates und Plato haben damals angefangen, sich Gedanken darüber zu machen, wie man besser mit anderen Menschen leben kann. Diese Gedanken wurden zunächst in der Renaissance und später in der Zeit des sog. Neuhumanismus (ab ca. 1750) von Philosophen und Reformern wie Friedrich Schiller oder Wilhelm von Humboldt aufgegriffen und weiter gedacht.

Daraus entstand eine eigene Schulform, aus der sich die heutigen humanistischen Gymnasien entwickelten. Diese Schulen haben es sich zum Auftrag gemacht, jüngeren Menschen die Idee des Humanismus weiter zu vermitteln, besonders durch die Lehre von Denk- und Arbeitsmethoden, die auf der antiken Philosophie beruhen. Dazu gehören auch die alten Sprachen Griechisch, Latein und, wenn auch nur in Ausnahmefällen, Hebräisch. Dies führt bei vielen Menschen, die nicht humanistisch gebildet sind, zu Unverständnis, ist aber leicht zu erklären: Die Quellenschriften wurden in diesen Sprachen verfasst und lassen sich erst voll verstehen, wenn man sie im Original liest. Gerade wir Deutschen haben in diesem Punkt unheimliches Glück, da wir viele der neueren Philosophen wie Kant im Original lesen können, ohne eine weitere Sprache zu lernen. Übersetzungen sind zwar hilfreich, aber können auch irreführen und die Gedanken des Autors noch lange nicht exakt wiedergeben.

Befindet sich nun der Humanismus in der Krise? Auf Landesebene gibt es eine Tendenz, die alten Sprachen durch moderne Sprachen wie Englisch oder Französisch zu ersetzen. Latein wird nur noch an wenigen Schulen angeboten, in den wenigsten davon als erste Fremdsprache. Griechisch hat es noch schwieriger, nur noch wenige Gymnasien bieten das Fach überhaupt noch an. Das Hebräische, das von vornherein nicht unbedingt zur humanistischen Bildung gerechnet wurde, wird kaum noch an Gymnasien unterrichtet. Diese Entwicklungen stehen im Gegensatz zu der Äußerung, dass ein Latinum und ein Graecum bei Arbeitgebern gerne gesehen werden und als Zeichen von Bildung und Intelligenz gelten. Das ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Humanismus zwar noch akzeptiert und gesucht wird, aber langsam anderen Vorstellungen weicht. Er befindet sich nicht in einer Krise, steuert aber auf eine zu, denn sobald die gebildete Mehrheit den Humanismus nicht länger akzeptiert, wird er verschwinden.

Anders sieht es hingegen bei uns an der Schule aus. Latein wird nicht nur ab der 5. Klasse angeboten, sondern auch ab der 7. Auch Griechisch kann nicht nur ab der 8. Klasse angeboten und ab der 10. als Grundkurs gewählt werden, sondern auch als Leistungskurs. In diesem Schuljahr haben gleich zwei neue Griechischkurse begonnen, was ein erfreuliches Interesse an der alten Sprache zeigt. Besondere Beachtung verdienen hierbei unsere Griechischlehrer, die es geschafft haben, dieses Fach trotz der Konkurrenz durch das Französische, wo es als Besonderheit auch noch einen Schüleraustausch gibt, so beliebt zu machen.

Doch funktioniert einiges auch nicht so gut: Die meiste Kritik muss der Lateinunterricht einstecken, denn einerseits fehlen hier bei den meisten Schülern die Motivation und das Interesse, andererseits weist die Unterrichtspraxis Mängel auf: Es kommt nicht selten vor, dass ein Schüler nur sein Latinum erhält, weil der Lehrer ihm gnädigerweise noch eine Vier minus gibt, was dem Latein aber schadet, da der betreffende Schüler dieses nicht ausreichend beherrscht und so den Wert des Latinums mindert (da im Abiturzeugnis nicht die Note angegeben wird). Doch ist das nicht das einzige Problem in diesem Fach: In der Oberstufe wird es meist nicht mehr angeboten. (Das in der jetzigen Stufe Zwölf ein Lateinkurs besteht, ist erfreulich und zeigt, dass das Latein in der Oberstufe eben nicht in Konkurrenz zum Altgriechischen steht, auch wenn das vielfach behauptet wird.) Daher muss mit allen Mitteln dafür gekämpft werden, dass auch in Zukunft ein Lateinkurs in der Oberstufe existieren kann. Auch der Ruf der Schule würde sich dadurch verbessern, da es viele Leute befremdet, dass ausgerechnet an einem humanistischen Gymnasium, in dem Latein sogar als erste Fremdsprache angeboten wird, kein Grundkurs in der Oberstufe existiert.

Doch auch der Hebräischunterricht hat seine Probleme: Da dieser Kurs an vielen Bonner Schulen angeboten wird, ist es unerlässlich, dass eine bessere Absprache der Schulen untereinander erfolgt. Es kann nicht sein, dass der Unterricht nur zwei Mal wöchentlich in der elften und zwölften Stunde stattfindet und Klausurtermine kaum zustande kommen. Gerade ein selten angebotenes Fach wie Hebräisch sollte auch von der Schule und der Schulleitung unterstützt werden, sei es durch bessere Werbung oder durch ein Fahrtenangebot, z.B. eine Kursfahrt nach Israel.

Ein weiteres Problem ist die Konkurrenz zwischen dem Griechischen und dem Französischen. Allerdings arbeiten viele Lehrer gegen ein solches Konkurrenzdenken, da es nicht nur schädlich für das Klima der Lehrer untereinander, sondern auch mindestens für Griechisch schädlich ist. In diesem Punkt ist schon eine erste Vorsorge getroffen worden in Form einer Garantiezusage an alle Griechischschüler, dass sie die Chance haben, mit Beginn der Oberstufe Französisch zu wählen. Doch muss auch hierbei angemerkt werden, dass der Unterricht wieder in den Nachmittag ausgelagert ist und häufig spät stattfindet. Das wissen auch potenzielle Griechischschüler, wenn sie sich in Klasse 7 entscheiden müssen, welches Fach sie wählen. Daher steht die Schule auch hier in der Pflicht, die Kurse so früh wie möglich stattfinden zu lassen.

Ist der Humanismus an unserer Schule also in der Krise? Es sieht nicht nach einer Krise aus, vielmehr pflegen wir ein reiches humanistisches Erbe. Doch es gibt eine Reihe von Problemen, die gelöst werden müssen, damit sie keinen Schatten auf unsere humanistische Bildung werfen.



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