Engagement auf Tunesisch oder Wie mache ich Demokratie

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militar1Tunesien, ein kleines Land in Nordafrika, sorgte letztes Jahr weltweit für Schlagzeilen und den Dominoeffekt des "arabischen Frühlings".
Die sogenannte "Jasminrevoulution", die am 17.Dezember begann, stürzte am 14. Januar den Staatspräsidenten "Ben Ali" .
Doch wie begann alles, wie sieht es jetzt aus und wohin führt dieser Umbruch in der Politik Tunesien?
Wir schreiben den 17. Dezember 2010, ein Orangen-Verkäufer (mit Abitur) verbrennt sich öffentlich, sein Name: Mohamed Bouazizi.
Bouazizi musste nach dem frühen Tod seines Vaters schon als Jugendlicher seine Mutter und seine fünf Geschwister ernähren. Daher betätigte er sich als Obsthändler mit einem mobilen Marktstand. So ermöglichte er seinen Geschwistern den Schulbesuch und sich selbst das Abitur. Ursache für seine Selbsttötung war die mehrfache Schließung seines Gemüsestands auf Grund einer fehlenden Genehmigung, die Beschlagnahme seiner Produkte und seiner Waage, seine erfolglose Beschwerde bei der Stadtverwaltung sowie die anschließenden Misshandlungen auf der Polizeiwache. Bouazizi verbrannte sich deshalb öffentlich um auf eben solche Missstände aufmerksam zu machen. Mit diesem Akt Bouazizis wurden die Tunesier aufgerüttelt und begannen ihre Revolution.
Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem das Bildungsniveu so hoch ist, so viele Arbeitslose sind? Wie kann es sein, dass diese Menschen Arbeit verrichten müssen, die weit unter ihrem Niveu liegt? Wieso gibt es keine wirkliche Meinungfreiheit?
24 Jahre lang herrschte Ben Ali tyrannisch über Tunesien, er lebte im Luxus währen viele seines Volkes um ihre Existens kämpften.
Irgendwann jedoch war das Maß voll. Die tunesische Bevölkerung wehrte sich, vor allem die Jugend. Über Facebook planten sie ihre nächsten Aufstände und Aktionen, bis Ben Ali fluchtartig das Land verließ.
Ich selbst bin Tunesierin, meine Eltern sind vor 20 Jahren aus ihrer Heimat geflüchtet, da ihnen die Meinung über die Politik verboten wurde, ebenso die Ausübung der Hauptreligion des Landes, des Islams. Letzten Sommer war ich in Tunis und traf viele meiner Freunde, die aktiv bei der Revolte gegen die Politik dabei waren.
Die Leute waren fröhlicher als sonst und sprachen viel offener ihre Meinung aus.
Gestört haben nur die Militärwagen, die für die Sicherheit Tunesiens sorgen, da seit den Aufständen das Vertrauen der Polizei verloren gegangen ist (Das Militär schoß nicht auf die Bevölkerung, die Polizei tat es jedoch).
Der 23.Oktober war ein historischer Tag für alle Tunesier, es fanden die ersten freien Wahlen des Landes überhaupt statt. Auch ich habe hier im Konsulat Tunesiens gewählt:
Es war das erste Mal für alle Tunesier, das wir die Demokratie schmeckten, denn 1956 erlangte das Land zwar Unabhänigkeit von Frankreich, doch auch der erste Präsident Tunesiens (Bourguiba) regierte diktatorisch.
Meine Hände zittern leicht, als ich das Wahlbüro des Konsulates in Bonn betreten durfte. Ich legte meinen tunesischen Pass vor, und erhielt dann den Wahlzettel, der so riesig war, wie er das bei 116 offiziell genehmigten Parteien sein muss, und verschwand damit in die Wahlkabine.
Ich wählte nach eigenen Zögern die Partei El-Nahda, die laut Umfragen die stärkste Partei werden sollte und die Wahl auch gewonnen hat. Voller Zuversicht und Hoffnung blickte ich in die Zukunft Tunesiens. Hinter mir standen an diesem frühen Morgen schon Hunderte von Leuten an. Die Schlange der Wartenden erstreckte sich mehrere Meter weit, es waren Frauen, Männer, Junge, Alte, und alle warten sie geduldig. Im Land selbst lief es ebenso ab.163794_193157627367157_100000187629468_805254_5417234_n
Es war ein Tag der Freude, der farbigen Finger (in Tunesien muss man die Finger noch zusätzlich in Farbe tunken, um auch mit den Fingerabdruck zu unterschreiben) und der endlosen Warteschlangen vor den Wahlbüros. In riesiger Zahl strömen das Volk im ganzen Land an die Urnen, um erstmals von ihrem demokratischen Recht Gebrauch zu machen. Sie warten eine, zwei, drei Stunden in der Hitze. Es gibt kaum Zwischenfälle, an diesem schul- und arbeitsfreien Tag. Mehr als 90 Prozent hätten ihre Stimme abgegeben, heißt es am Wahlabend, denn viele Tunesier wählten zum ersten mal in ihrem Leben.
Die erste freie Wahl war gut organisiert: Die Bürger konnten per SMS nach ihrem nächsten Wahlbüro fragen, wovon es 9000 im ganzen Land gab, die 150.000 Soldaten und Polizisten gschützt wurden, aber nirgends wurden größere Probleme gemeldet.
Gewählt ist nun die El-Nahda-Partei die regieren wird, eine Islamische Partei, die den Menschen Arbeitsplätze schaffen, und die Demokratie erhalten will.
Vielleicht wurde sie aus Protest von 41 Prozent der Wahlberechtigten gewählt: Aus Protest gegen das alte unreligöse Regime, dem Werte des Volkes und der Kultur verloren gegangen war, welches Religionsfreiheit eingrenzte und viele Menschen zur Flucht zwang.
Tunesien ist schon da angekommen, wo Ägypten oder Libyen noch lange nicht sein werden. Die Tunesier haben wirklich freie Wahlen erlebt, und sie werden für die, die sie regieren, nun selbst verantwortlich sein.


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